Er und die Maschinen

Beat Matter

Marcel Hauser, 60, Baumaschinenführer, arbeitet seit 40 Jahren bei derselben Firma und in derselben Position. Andere Jobs lehnte er trotz besserem Lohn ab. Und er war jüngst ein kleiner Medienstar. (die baustellen Nr. 08/2009)

Am 11. Juli eröffneten wir die Baustelle am Zürcher Stadelhoferplatz. Und dann hat es sich einfach herumgesprochen. Es war ein Samstag und mein 60. Geburtstag. Die Kollegen brachten mir auf einem silbernen Tablett 60 Mohrenköpfe mit Kerzen oben drauf. Einer hatte eine Schwedentorte dabei. Alle, die mich kannten, kamen vorbei und gratulierten mir. Die Nachricht ist bis zu den Medien vorgedrungen, die über den Start der Bauarbeiten berichteten. So konnte man mich später im «Tele Züri» anschauen und im «Blick» über mich lesen. Es wollte einfach niemand so recht verstehen, weshalb ich meinen Geburtstag, einen Samstag, bei der Arbeit und nicht zu Hause verbringe. Aber meine Frau ist schon vor Jahren gestorben. Der ältere Sohn ist in den USA. Und der jüngere in Amsterdam. Ich wäre allein zu Hause gewesen. So aber tat mir am Abend die Hand weh. Nie zuvor wurde mir an einem Geburtstag häufiger gratuliert.

Maschinenführer für immer
Baumaschinen haben mich schon immer fasziniert. Als Kind schon stand ich bei den Baustellen und schaute zu. Und wenn der Traxführer rief: «He Chliine, hol mer e Bier», dann rannte der kleine Marcel in den Coop oder in den Volg und war mächtig stolz darauf.
Gelernt habe ich schliesslich Dreher. Während der anschliessenden Rekrutenschule kam mir ein Inserat der Firma Eberhard in die Hände. Es hiess, sie würden auch Leute für die Maschinen anlernen. Das reizte mich und so stellte ich mich vor und präsentierte meine Zeugnisse aus der Lehre. Der Chef meinte allerdings, die interessieren ihn nicht, ich könne die Papiere wieder einpacken. Er sähe dann schon, was ich könne und was nicht. Das ist jetzt genau 40 Jahre her. Zunächst arbeitete ich ein Jahr in der Werkstatt. Dann fiel ein Maschinist aus und sie meinten, ich solle es einfach mal probieren. Seither wollte ich nie wieder etwas anderes machen. Früher nahmen wir mit der Firma noch an Grümpelturnieren teil. Einmal, wir standen im Final und ich im Tor, zerrten meine Bänder im linken Knie. Bis ich wieder gesund war, beschäftigte ich mich als Disponent. Die Firma meinte, ich solle das doch weiter machen, ich bekäme dafür auch 500 Stutz mehr Lohn. Ich aber wollte zurück auf die Maschinen. Mit dem höheren Lohn hätte ich auch kein Land kaufen können. Aber als Disponent hätte ich doch Schafe gebraucht, um meine Nerven an den Wochenenden zu beruhigen.

Millimeter in der Wüste
Mitte der 70er-Jahre war ich bei einem Strassenbau in Saudi-Arabien dabei. Das war eine in jeglicher Hinsicht unglaubliche Erfahrung. Die Araber hatten tatsächlich einfach zu viel Geld. Sie wollten eine topfebene Strasse mitten durch die Wüste und vergaben den Auftrag an Amerikaner. Diese wiederum setzten Filipinos ein, die unsere Arbeit kontrollieren mussten. Von ihnen erhielten wir jeweils Korrekturzettel, auf welchen Angaben wie «+ 2 mm» oder «–4 mm» standen. Wenn sich bei uns einer so pingelig aufführen würde, den hätten wir wohl längst irgendwo einbetoniert.
Nun geht es nicht mehr lange. Mit 61 Jahren werde ich pensioniert. Ich werde sicher auch danach noch sporadisch Einsätze für die Firma machen. Und vielleicht werde ich mal wieder im Wohnwagen übernachten. Er steht seit Jahrzehnten im Atzmännig. Dort verbrachte ich die schönsten Zeiten mit meiner Familie. Seit meine Frau vor sechs Jahren starb, habe ich nie mehr dort oben übernachtet. Ich war tagsüber zwar dort. Für die Nacht aber musste ich weg. Ich weiss nicht. Vielleicht schaffe ich das noch.

Beat Matter