Vater lernt laufen

Ich war mit Abstand der erste in meinem Freundeskreis, der Vater wurde. Um auf Augenhöhe über Vater-Gefühle reden zu können, suchte ich deshalb angestrengt nach neuen Leuten. Es klappte erst, als ich nicht mehr suchte. (wir eltern Nr. 08/2009)

Schon früh in der Beziehung mit meiner heutigen Frau Esther begannen wir, langfristige Pläne zu schmieden. Kinder zu haben war jener, der sich durch alle anderen hindurch zog. Zunächst wollte ich allerdings meine Fachhochschul-Ausbildung abschliessen, was nicht von ungefähr kam: Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der viel Wert auf Sicherheit gelegt wurde. Dieses Denken trage ich noch heute in mir, auch wenn ich mir teilweise Mühe gebe, absichtlich dagegen zu verstossen. Bei etwas so grossem wie dem Thema Kind waren für mich die Prioritäten dennoch klar: Ausbildung, dann Kind.

Mit meinem Freundeskreis teilte ich hauptsächlich den Musik- sowie den Getränkegeschmack. Wenn schon Ausgang, dann spontan, häufig in Bars mit Rockmusik und immer mit viel Bier. Ausgang am Abend war ein Synonym für Kater am Morgen. Es war gut so, doch es besserte sich. Ich verlor einige Ausgehfreunde, weil sich mein Studium zunehmend schlechter mit drei Zechtouren pro Woche vertrug. Ich wurde ruhiger, die Beziehung und die Zukunft wichtiger, mein Freundeskreis kleiner.

Verständnis statt verstehen

Ich hatte noch keine Stelle gefunden, ja mein Anzug war nach der Diplomfeier noch nicht aus der Reinigung zurück, als Esther schwanger wurde. Ich freute mich. Gemessen an meinem Sicherheitsbestreben war es jedoch eine Verwegenheit, die mich gleichzeitig ins Schleudern brachte. Aus dieser Nervosität heraus wuchs mein Bedürfnis, Kontakt zu Männern in derselben Situation herzustellen. Wohl wollte ich hören, dass es normal ist, Unsicherheit, auch Angst zu verspüren. Dabei konnte mir mein kinderloses Netzwerk nicht helfen. Dennoch waren sie für mich da, meine Freunde. Sie hörten zu, hatten Verständnis, jedoch ohne wirklich zu verstehen. Sie bewunderten meinen Mut und fanden es toll, wie gelassen ich blieb. Ob all dem bekam ich nicht selten das Gefühl, ich könne mit ihnen nicht über Aspekte sprechen, die mich extrem beunruhigten, mich gar ängstigten. Also suchte ich in Internetforen nach Männern mit gleichen Erfahrungen. Ich folgte damit Esthers Beispiel, die sich auf einem Mütterforum intensiv und erfolgreich um ein neues Umfeld bemühte. Auf meine Suchanzeigen meldete sich allerdings niemand. Es schien mir gar, als ob es gerade in «progressiven» Väterforen noch verstärkt Tabu war, zu Unsicherheiten zu stehen. «Goool!», kündigten dort werdende Väter das Schönste auf der ganzen Welt an. Das war nichts für mich. Und als ich kurz nachdem Esther schwanger wurde eine Vollzeitstelle fand, schrumpfte mein Bedürfnis nach einem neuen Netzwerk.

Die Freiheit planen

Mit der Geburt von Janick veränderte sich alles von neuem. Tagsüber arbeitete ich und abends schien es mir zu wenig lohnend, noch mehr Familien-Zeit für die Pflege von Freundschaften oder gar die Erweiterung des Freundeskreises zu opfern. Zudem brauchte mein Umfeld eine Weile um zu verstehen, dass Treffen nun frühzeitig abgemacht werden mussten. Manche erachteten Planung als Feind ihrer Freiheit. Ich dagegen musste nun meine Freiheit planen. Mittlerweile haben sich die besten meiner Freunde daran gewöhnt und ich geniesse die Momente mit ihnen bewusst, auch weil Kinder bei ihnen keine Rolle spielen. Sie sind meine Auszeit.

Nicht suchen, finden

An meiner Arbeit ging die Vaterschaft nicht spurlos vorbei. Mein Vollzeitjob schien es mir nicht mehr wert, um dafür 45 Stunden wöchentlich von meiner Familie getrennt zu sein. Ich wollte deshalb freischaffend arbeiten und mir zur Absicherung eine 50 Prozent-Stelle suchen. Ein Bewerbungsgespräch führte ein junger Mann mit mir, der früh Vater geworden war. Wir klärten kurz den Pflichtteil und sprachen danach lange über Kinder und das Vatersein. Den Job hatte ich in der Tasche und so ist mein Chef heute meine Anlaufstelle, um über Familienthemen zu reden.

Dass ich diesen Kontakt fand, wohl weil ich ihn nicht aktiv suchte, war eine inspirierende Erfahrung. Seither versuche ich kaum mehr, auf solche Gelegenheiten hinzuarbeiten. Lieber schärfe ich den Blick, damit ich sie erkenne, wenn sie sich bieten. Um zu realisieren, dass dies mein Weg ist, habe ich ebenso lange gebraucht, wie mein gut einjähriger Sohn, um auf seine Beine zu kommen.

 

Beat Matter