Zwei Welten in einer

Der eine war schon verheiratet, als der andere noch in den Windeln steckte. Heute, im Alter von 45 und 25 Jahren wechseln sie die Windeln ihrer eigenen Kinder. Zwei Väter in zwei Welten und doch irgendwie in derselben. (wir eltern Nr.07/09)

«Als Joelle Leonie zur Welt kam, bin ich ‹gumped›», sagt Beat Kenel. Gut drei Jahre ist es her. Heute ist er 45-jährig und zweifacher Vater. Im vergangenen Herbst kam Cédric Levin dazu. Er habe sich, bevor er Vater wurde, sehr ausgelebt, ist Beat sicher.

«Ich realisierte nicht richtig, was passiert war», sagt Eduardo Kiefer. Anfang 2008 war er 24-jährig. Nelio wurde geboren. Eduardo wurde Vater. Das war passiert. Er habe davor genug Gas gegeben, meint Eduardo dennoch. Nach unterschiedlich viel Laufdistanz auf zwei Lebenswegen haben Beat und Eduardo eine Gemeinsamkeit: Die Vaterschaft. Vor dieser Wegkreuzung war die Distanz gross. Danach wurde sie es wieder.

Lange oder gar nicht vorgesorgt

In den Gärten des Quartiers spielen Männer mit Krawatten und hoch gekrempelten Bundfaltenhosen Fussball mit ihren Kindern. «Die Leute, die hier wohnen, haben recht gute Jobs», sagt Beat. Er ist Logistikleiter bei einer Versicherung. Schon 20 Jahre arbeitet er am gleichen Ort. Beat war früh verheiratet. Er trieb Sport auf hohem Niveau und auch beruflich war er im Sportbereich tätig. Dann begann er, langfristig zu planen. «Etwa mit 25 Jahren habe ich mir überlegt, ich müsste für den Fall vorsorgen, dass sich bei mir irgenwann der Kinderwunsch bemerkbar macht», blickt er zurück. Er bekam die solide Arbeit bei einer Versicherung. Und drei Jahre später kam jener Wunsch nach Kindern. Doch Beats Ehe begann zu kriseln. Scheidung. Sein Kinderwunsch sollte sich erst rund 15 Jahre später, mit seiner heutigen Ehefrau Olivia, erfüllen.

Eduardo klappt seinen Laptop zu. Die Arbeit lässt ihn an seinem freien Tag nicht ganz los. Er ist Informatiker, Eventveranstalter und Clubbetreiber. Seine Freundin Helen ist mit Nelio in der Krabbelgruppe. Die junge Familie lebt in einer günstigen Genossenschaftssiedlung. «Wir hatten nie die Angst, es könnte zu wenig Geld reinkommen», sagt Eduardo. Man habe schliesslich in jungen Jahren nicht so kostspielige Ansprüche. Eduardos Domäne war die Partyszene. Er legte als DJ auf, war häufig auf Reisen, viel im Ausgang. Um Eduardo herum waren Kinder kein Thema. Anders bei ihm: «Ich wollte schon immer früh Vater werden.» In Mexiko, dem Herkunftsland seiner Mutter, sei das normal. Und just in Mexiko, Eduardo war unterwegs mit Helen, die er seit einem halben Jahr kannte, wurde sie schwanger.

Mittendrin oder allein

Als Beats Frau schwanger wurde, bewegte er sich privat bereits seit Jahren in einem Freundeskreis, in dem Kinder geboren wurden und aufwuchsen. Sein Patenkind, heute volljährig, begleitete er eng durch alle Phasen  Kindheit und Jugend. «Was es bedeutet, Kinder zu haben, wusste ich sehr genau», sagt er deshalb. Gleichzeitig habe er durch den steten Umgang mit den Kindern auch gemerkt, wie gut er es mit ihnen könne. «Ich wusste also, ich kann eine Vaterrolle ausfüllen.»

Eduardo wusste wenig. Als Helen schwanger wurde, war er auch im erweiterten Umfeld als einziger in dieser Situation. Ansprechpersonen, die auf Augenhöhe mit ihm über die Anliegen eines werdenden Vaters gesprochen hätten, fand er nicht. «Ich habe mich mit niemandem konkret über solche Dinge unterhalten», sagt er. Sie hätten zwar versucht, Kontakte zu knüpfen, aber es sei schwierig, junge Leute zu finden, die Eltern werden. Eduardo meint, er habe durchaus gewusst, dass er nach der Geburt nicht mehr so frei sein würde, nicht mehr so viel unterwegs sein könnte. Darüber, was das im einzelnen bedeutet, machte er sich kaum Gedanken. «Ich konnte es mir überhaupt nicht vorstellen», resümiert er. «Ich kam dann nach der Geburt auf die Welt.»

Witz oder Ernst

Mit lieb gemeinten Witzchen wurde Beat aus seinem Freundeskreis eingedeckt. «‹Hast dus auch noch geschafft?› oder ‹Der alte Sack wird auch noch Vater!›, haben sie mich hoch genommen, erzählt Beat. Zu Beginn der Schwangerschaft dachte er tatsächlich, er sei ein alter Vater. Erst 60 Jahre alt war sein eigener Vater, als er starb. Darüber macht sich Beat Gedanken. Keine Sorgen. «Es war für mich einfach richtig, in diesem Alter Kinder zu haben. Ich bin noch rüstig, kann mit meinen Kindern aktiv sein und die Frage nach den Prioritäten ist für mich absolut geklärt.»

Schiefe Blicke begleiteten Eduardo und Helen durch die Schwangerschaft. Sie betrafen in erster Linie die junge werdende Mutter. «Sie war 21-jährig und sieht noch jünger aus. Ich dachte häufig, sie wird böse angeschaut. Die Leute sahen in ihr eines dieser schwangeren Kinder», schildert Eduardo. Sie hätten einfach versucht, alles abprallen zu lassen. Eduardo fehlte auch die Zeit, sich derartigem zu widmen. Er arbeitete, machte daneben eine Weiterbildung und war zugleich damit beschäftigt, ein weiteres Baby auf die Beine zustellen. Seinen eigenen Club. Das alles unter einen Hut zu bringen, sei extrem hart gewesen, sagt Eduardo. «Ich habe zwar nie konkret gedacht, ich sei zu jung. Aber rein von der beruflichen Seite her hätte das Kind auch zwei Jahre später kommen können.»

Zu jung oder zu alt

Mitte zwanzig habe für ihn anderes gezählt, erzählt Beat. Der Sport, die Ranglisten. «Ich wäre damals nicht der gute Vater gewesen, der ich heute bin», schmunzelt Beat, meint es aber ernst. Wenn er mit seinen Kindern unterwegs ist und Väter sieht, stellt er sich deshalb Fragen: «Sind sie schon reif genug? Wissen sie, was auf sie zukommt?» Es gebe sicher junge Männer, die aus vollster Überzeugung früh Väter werden. «Ich zweifle aber manchmal daran, dass sie die nötige Ruhe und Gelassenheit haben.» Er schliesse damit wohlgemerkt von sich auf andere, betont Beat.

Im Gegenzug ist Eduardos Meinung über ältere Väter weniger differenziert: «Die Vorstellung ist doch seltsam: Manche Kinder, die eingeschult werden, haben Väter, die auch ihre Grossväter sein könnten», sagt er. Mit den von Beat infrage gestellten Eigenschaften wie Ruhe und Gelassenheit war es bei Eduardo nach der Geburt seines Sohnes aber tatsächlich vorerst aus. Nelio schrie, schlief wenig. «Für mich war es selbstverständlich, in dieser harten Zeit weniger für den Club zu arbeiten.» Bei der Umsetzung des Selbstverständlichen halfen einige «indirekter Vorwürfe» von Helen. Nach dem strengen ersten Jahr hat er das Pensum wieder erhöht. Es habe auch gut getan, ein bisschen weg zu kommen, gibt Eduardo zu. Mittlerweile hat sich die junge Familie und auch deren Umfeld eingespielt. «Wenn ich mich mit Freunden treffe, nehme ich Nelio einfach mit. Weil sie jung sind, haben sie viel mehr Freude daran, mit ihm ein bisschen Scheiss zu machen.» Er könne sich schwer vorstellen, dass ältere Männer ebenso unverkrampft auf Kinder zugehen.

Beat Matter