Der Ochsenflüsterer

Vera Hartmann

Hans Klauser hat einen heissen Draht zu Tieren. Mit den gigantischen Ochsen Fritz und Falk pflegt er eine märchenhafte Beziehung, die weitherum für Erstaunen sorgt. (Migros-Magazin, 11.05.2009, Nr.20/2009)

Nur Tiere? Es sind Lebewesen», sagt Hans Klauser. Der 56-jährige Appenzeller ist weitherum als «Ochsenhans» bekannt und wird nicht selten auch «Ochsenflüsterer» genannt. Er spricht von seinen zwei «Buebä». Falk, knapp 9-jährig, hat ausladende Hörner, 175 Zentimeter Stockmass und ein Gewicht von 1200 Kilogramm. Fritz, einen guten Monat älter, misst 185 Zentimeter an der Schulter und bringt 1300 Kilogramm auf die Waage. «Anfangs», erzählt Klauser, «fanden es meine Kinder seltsam, dass ich die Ochsen ‹mini Buebä› nenne.» Sie seien doch seine Buben, haben seine Söhne sich gewehrt. «Dann habe ich jetzt halt zwei Mädchen und vier Buben. Und überhaupt, ‹was ihr ned gfolgt hend, die folged denn aso›», stellt Hans Klauser fest. Neidisch seien sie gewesen, sagt er – und meint seine beiden Söhne.

Wilde Hengste werden zu Streicheltieren

Seinen zwei Ochsen ist Klauser vor sieben Jahren zum ersten Mal begegnet. Er amtete damals an der Offa-Pferdemesse in St. Gallen als Stallmeister. Er wusste, in diesem Jahr würden Ochsen als Attraktion in seinem Messestall logieren. Und es kam auch deren Besitzer, Niklaus Dörig, der Chef von der Waldegg. Ihm erzählte er von seinem Leben.

Als Sohn eines Bauern und Försters ist Hans Klauser mit Tieren aufgewachsen. Der Vater pflegte ein Pferd mit einem Ochsen vor den Wagen zu spannen, wenn es ins Holz ging – auf dass das Pferd lerne, sich nicht beim kleinsten Hindernis aufzubäumen, sondern bedächtig weiterzuziehen, wie es der Ochse tat. Klauser musste mit anpacken. Bauer wurde Klauser jedoch nicht, sondern Kranführer, schliesslich Kranmonteur. Er arbeitete bei zwei Gemeinden im Strassendienst, war Chauffeur für diverse Firmen in der Milchbranche. Heute werkt er in der Füllerei einer Ostschweizer Brauerei. Immer waren Tiere da, einst Geissen, heute Schafe. Mit ihnen konnte er es gut.

Einmal, schildert Klauser, habe ein Tierarzt zu ihm gesagt, er könne es sich nicht erklären, aber er, Klauser, müsse etwas an sich haben, auf das die Tiere reagierten. Auch an der Pferdemesse zeigte es sich: Temperamentvolle Zuchtpferde («teilweise 100 000 Franken teuer») wurden in seiner Anwesenheit zu Streicheltieren. «Ich suche jemanden, der meine Ochsen betreut und mit ihnen arbeitet», sagte Waldegg-Chef Niklaus Dörig schliesslich. «Sie sind genau mein Mann, Herr Klauser.»

Damit begann eine Beziehung, die Hans Klauser heute kaum in Worte fassen kann. «Sehr, sehr viel bedeuten mir ‹mini Buebä›», sagt er. Die Art, wie er das sagt, drückt zugleich aus, wie sehr es untertrieben ist. Wenn die Ochsen im Freigehege vor dem Stall stehen, erkennen sie Klauser bereits, wenn er nach der Arbeit im Auto die steile Strasse zu ihnen hinauffährt. Parkiert er vor dem Gehege, brüllen sie aus Leibeskräften. Bis er auf sie zumarschiert, sie laut begrüsst und schliesslich seinen Kopf an die ihren schmiegt. Dann werden Fritz und Falk ruhig, beginnen scheinbar zu flüstern, ganz so wie es Klauser nahe bei ihren Ohren tut. Oft schon sei er gefragt worden, was er den Tieren in die Ohren flüstere, sagt er. «Einst bot mir einer 200 Franken. Er hätte auch 500 bieten können, ich hätte es ihm nicht verraten.»

Ein Leben ohne Falk und Fritz? Nie!

Anders sieht es aus, wenn Klauser die Tiere vor den Wagen spannt und mit Gästen auf Ochsenfahrt geht. Dann kommuniziert er laut und geheimnislos. «Links!», «Falk zieh!» Die Ochsen gehorchen ihm aufs Wort. Manchmal sei es auch umgekehrt. Das müsse man respektieren, schliesslich seien sie, die drei Ochsen, ein Team, witzelt Klauser. «Die Peitsche nehme ich eigentlich nur mit, weil sie in den Augen der Gäste irgendwie dazugehört.»

Und gefahren ist das Trio schon weit umher. An Messen da, an Ausstellungen dort. Im vergangenen Jahr führte Klauser mit seinen Ochsen die Frauenzunft am Zürcher Sechseläuten an. Es sind Höhepunkte einer Freundschaft, auf deren Ende angesprochen Klauser die Worte im Hals stecken bleiben. «Die Vorstellung, dass die Tiere einst nicht mehr … hart … so schwierig.»

Aber daran will er noch nicht denken. Unangenehm genug ist es ihm schon heute, wenn er verhindert ist und einen Tag nicht zu den Ochsen kann. Urlaub sei deshalb für ihn weniger ein Thema, zumal die Momente mit den Tieren seine Ferien seien. «Im Sommer gehe ich mit meiner Partnerin für dreieinhalb Tage nach Graubünden», erzählt er. Klauser runzelt die Stirn, schaut ins Leere und seufzt kaum hörbar.

Beat Matter