«Heb di fescht, Andrin!»

Daniel Winkler

Er ist kaum grösser als das Gefährt, das er lenkt. Aber seine Schlittenhunde hat der fünfjährige Andrin Luginbühl schon fest im Griff. (Migros-Magazin Nr.10/2009)

Andrin Luginbühl sitzt festgeschnallt im Kindersitz des Lieferwagens und schickt seiner Mutter auf dem Beifahrersitz einen flehenden Blick zu. «Darf ich noch ein Apfelschnitzli?» «Schon wieder?» Mama Esther schüttelt ungläubig den Kopf. «Bist du eigentlich ein kleiner Nimmersatt?» «Ja, Mama. Aber darf ich jetzt noch ein Apfelschnitzli?» Der fünfjährige Andrin aus Wetzikon ZH ist ein «Frögli», eine Bettelkatze, und erfolgreich. Er bekommt, was er will, und einen Moment später ist das Stück Apfel weg.

Vater Martin lenkt den Wagen zwischen Schneewänden hindurch in Richtung Urnerboden UR. Heute wird Hundeschlitten gefahren. Andrin freut sich und stellt Frage um Frage. «Papa, ist überall da, wo keine Bäume stehen, eine Lawine runtergekommen?» «Vielleicht. Schau mal, da hat es eine Lawinengalerie.» «Was ist eine Lawinengalerie?» «Die braucht es, weil …» «Du Papa, ist da, wo keine Bäume stehen, eine Lawine runtergekommen?»

Als die Nebelsuppe sich lichtet, ist es mit Andrins Fragerei vorbei. In gleissendem Sonnenlicht ertönt Hundegebell aus Dutzenden von Schnauzen, und die Strasse ist gesäumt von Autos, kleinen Lastwägelchen und Wohnmobilen, die anderen Hündelern gehören.

Was einer ängstlichen Natur das Fürchten lehrt, ist für Andrin nichts Spezielles. Friedlich stapft er durch eine Schar von Huskys, die sich vor lauter Übermut beinahe von den Ketten reisst. An den diesjährigen Wettkämpfen in Splügen GR und Studen SZ, seinen ersten überhaupt, traf er jeweils auf 200 und mehr bellende Hunde. «Am Rennen in der Lenzerheide bin ich aber auch gewesen», wirft Andrin ein. Vater Martin lächelt. «Aber da wolltest du ja nicht fahren. Magst du sagen, weshalb?» «Nein.» «Da hatte es einen wahnsinnig spannenden Spielplatz, gäll?»

Seit seiner Geburt mit Hunden zusammen

Es sei ihnen wichtig, Andrin nicht zu drängen, sind sich die Eltern einig. Wenn er nicht fahren wolle, dann müsse er auch nicht. Andrin ist mit Hunden und dem nordischen Sport aufgewachsen. Zwei Wochen alt war er, als er erstmals im Hundeschlitten chauffiert wurde. Der eigene Husky Tahira ist ein halbes Jahr jünger als er.

Allgegenwärtig war und ist Vater Martins Hobby, das Jöring, bei dem der Weg allerdings nicht unter einen Schlitten, sondern unter Langlaufskier genommen wird.

So geschieht es auch bei dieser Trainingsfahrt. Wie in der Kinderkategorie üblich, werden zwei Hunde vorgespannt. Und wie bei Schlittenhunden offenbar üblich, drehen die beiden beinahe durch, können es kaum erwarten, bis sie endlich los-laufen dürfen. Andrin dagegen ist ruhig wie ein Profi. Vater Martin macht sich auf Langlaufskiern für die Begleitung bereit. Er spannt eine Leine zwischen sich und dem Schlitten. Dann kann es losgehen.

Zwar sieht der kleine And-rin nur knapp über den Haltebügel des Schlittens und muss seine Beine ziemlich spreizen, um auf den Kufen stehen zu können. Aber als er ein energisches «Go» in Richtung der beiden Hunde ruft, wird klar: Er hat die Sache voll im Griff. Die Huskys lassen sich nicht zweimal bitten. Ihr Gejaule ist mit dem Startsignal schlagartig verklungen. Jetzt werfen sie sich in die Riemen. Mit einem mächtigen Ruck setzt sich der Schlitten in Bewegung. Wenige Sekunden später verschwinden die Hunde, Andrin und Vater Martin hinter einer kleinen Anhöhe des Trails.

Mama Esther macht sich Sorgen

Zurück bleibt wie immer Mama Esther. Ihr Blick haftet noch eine Weile an der Stelle, wo ihre Lieben aus dem Bild gerast sind. Respekt habe sie schon vor dem, was ihr kleiner Sohn da mache. «Zu Beginn war es richtige Angst, vor allem beim Start», sagt sie. Vor Andrins erstem Rennen habe sie regelrecht auf ihn eingeredet: «Heb di, And-rin. Heb di, gäll?» Aber wann immer Andrin von einer Fahrt zurückkommt und euphorisch erzählt, merke sie, wie viel ihrem Sohn das Schlittenfahren bedeute.

Andrin und die Huskys eine grosse Liebe

Tatsächlich macht es nach Andrins Rückkehr den Anschein, als hätte er innert vielleicht zehn Minuten zwei Wochen Ferien erlebt, von denen er nun ausführlich berichtet. «Kurz vor einer Linkskurve hat es mich vom Schlitten genommen», sagt er und lacht lauthals dazu. Zunächst wollten die Hunde ohne ihn weiter. Er sei dann aber doch wieder drauf gekommen. Glück gehabt.

Weil die Hunde ihn alles in allem doch brav gezogen haben, tätschelt und knuddelt Andrin sie ausgiebig. «Das war schneller als in Studen», sagt er zu den Hunden, zu Mama und Papa und zu jedem, der es hören will.Am nächsten Werktag werden auch Andrins Freunde vom «Räupli», dem Kindergarten, einmal mehr von dessen Abenteuer erfahren. «Montag ist nämlich Erzähltag», sagt er. Und wer erzählt dort die besten Geschichten? «Ich. Emel im Winter.»

Beat Matter