Lienhard «Linaz» Anz, 45, Clown und Komiker

pd

(wir eltern Nr.02/2009)

Ich bin Clown. Er hat für mich etwas Kindliches, leicht Konzeptloses an sich. Er nimmt in Kauf, sich zu verlieren, gibt sich völlig dem Moment hin. Die Leute denken allerdings nach wie vor meist an grosse Schuhe, eine rote Nase und eine Torte im Gesicht. Der Begriff ist durchnässt mit dieser fixen Vorstellung. Ich bin mir deshalb nie sicher, wie ich mich selbst bezeichnen soll. Gemessen am althergebrachten Bild eines Clowns bin ich vielleicht eher ein Komiker. Weil ich mich beim Spielen allerdings mehr nach Clown fühle, benenne ich mich häufig als Komik-Clown.

Ich feiere dieses Jahr mein 20-jähriges Bühnenjubiläum. Trotzdem habe ich kein Rezept, nach welchem ich Menschen garantiert zum Lachen bringe. Bei jedem Auftritt riskiere ich, die Leute nicht zu erreichen. Dies umso mehr, weil die Improvisation bei meinen Auftritten eine wichtige Rolle spielt. Natürlich gibt es bei meinen Programmen Dinge, die ich meist gleich mache. Während dem Auftritt bin ich jedoch permanent auf der Suche nach Spontaneitäten. Wenn im Publikum irgendetwas passiert, zack, springe ich sofort darauf an. Die unvorhersehbaren Einlagen, die dadurch entstehen, sind für mich die besten Momente überhaupt.

Unvergessliche Momente der ganz anderen Art erlebte ich bei Auftritten in fernen Ländern. Beispielsweise in Mexiko. Dort gab es Aufführungen für Menschen, die sich kulturelle Angebote sonst nicht leisten können. In ein Theater für 800 Menschen drängten sich deren 1000. Ich spürte regelrecht ihren Hunger nach Kultur. Die Begeisterung des Publikums war unfassbar, als sich der Künstler, der vor mir auftrat, langsam einer Glasscheibe entlang tastete, die gar nicht da war. Simpelste Pantomime berauschte diese Menschen. Sie sind noch nicht mit Komik übersättigt. Ähnliches sah ich in Indien. Die Zuschauer sprangen verblüfft vom Sandboden auf, als ich so tat, als würde ich hinter einer improvisierten Backsteinmauer eine Treppe hinunter laufen. Sie stürmten die Bühne und schauten hinter die Mauer. Da war natürlich keine Treppe.

In der Schweiz muss schon sehr viel mehr Action her. Dennoch bringe ich auch hier ruhige Nummern. Ich hole das Publikum mit temporeichen Einlagen ab und führe es in stillere Gewässer. Von Anfang an etwas ruhig bin ich, wenn ich vor kleineren Kindern spiele. Sie sind weniger kalkulierbar als Erwachsene. Deshalb konzentriere ich mich viel stärker darauf, ihre Bedürfnisse heraus zu spüren. Bei grösseren Kindern habe ich hingegen gemerkt, dass es besser ankommt, wenn ich nicht auf ihr Kindsein Rücksicht nehme. Die brauchen kein Spezialprogramm. Sie haben am meisten Spass, wenn sie für voll genommen werden.

Das ist mir auch im Umgang mit meinen eigenen drei Kindern wichtig. Ich bin sehr ehrlich zu ihnen, sage, wenn es mir nicht gut geht, oder mir etwas nicht gefällt. Sie leben bei ihrer Mutter. Wenn sie bei mir sind, muss ich mich immer wieder auf völlig neue Situationen einlassen. Das braucht zwar viel Energie, ich bekomme allerdings viel mehr wieder zurück. Ich finde ja, meine Kinder haben reichlich komisches Talent. Ob sich das auf ihre berufliche Ausrichtung auswirkt, ist mir erstaunlicherweise ziemlich egal. Mein Beruf, mein Clownsein, spielt irgendwie keine Rolle, wenn ich Zeit mit meinen Kindern verbringe. Wir haben auch ohne Clown Spass zusammen.

Allgemein bin abseits der Bühne keine Ulknudel. Eine Zeit lang hatte ich selbst Mühe damit. Ich forderte beinahe von mir selbst, immer eine Pointe bereit zu haben. Seit ich eingesehen habe, dass ich einfach nicht so bin, kann ich gut damit leben. Natürlich kommt es immer wieder vor, dass es heisst, ich sei doch Clown und solle mal was Lustiges machen. Dann antworte ich beispielsweise: Du bist doch Chirurg, also chirurgier doch mal.

Beat Matter