Tims Flugplan stimmt

Carlo Olivo

Er ist erst 17 Jahre alt, war aber schon Schweizermeister und mehrmals Vizemeister. Für Nachwuchs-Snowboarder Tim Watter nur Etappenziele auf dem Weg nach Olympia. (Migros-Magazin Nr.05/2009)

Als sich das Pistenfahrzeug von Milez im Bündner Skigebiet Sedrun Andermatt langsam in Richtung Cuolm Val auf über 2000 Meter Höhe pflügt, ist der Boden nicht vom Himmel zu unterscheiden: blendendes Grauweiss überall. Beim Aussteigen dann die Gewissheit, dass die Kälte der Luft jener vom Boden her in nichts nachsteht. Tim Watters Trainingsort zeigt sich an diesem Tag von seiner unwirtlichen Seite. Tim ist das egal. Der 17-Jährige aus dem zürcherischen Hausen am Albis ist eines der meistversprechenden Schweizer Talente auf dem Snowboard – und findet auch bei Nebel seinen Weg.

Etwas abseits der Piste beim Snowboardcross-Parcours angekommen, jagen zwei Knaben über Bodenwellen, durch Steilkurven und über einen Sprung. Miteinander das Ganze und in einer Geschwindigkeit, als wäre jeder von ihnen von weit Diabolischerem getrieben als nur von der Angst, Zweiter zu werden. Während die beiden Kontrahenten vom Nebel verschluckt werden, zeichnen sich weiter oben auf der Strecke die Umrisse einer Vierergruppe ab. Diese ist noch ein gutes Stück schneller unterwegs. Ein gross Gewachsener führt den Pulk an, wenige Meter dahinter ein Kleinerer, kompakter – der zu langsam ist für seinen Geschmack. «Mein Belag. Der Schnee klebt», schimpft er. «Das wäre dann also Tim», schmunzelt der Trainer.

Ein Kleiner zeigts den Grossen

Elf Jahre ist es her, seit Tim Watter während der Familienferien auf der Bettmeralp VS erstmals auf dem Snowboard stand. «Dazumal», Tim erzählt, wie man eben von lange vergangenen Zeiten erzählt, «dazumal war es noch schwierig, überhaupt ein so kleines Brettli zu finden.» Hinter dem Haus habe er geübt, den Hang hinunterzurutschen. In der Snowboardschule absolvierte er alle Stufen. Meist sei er der Kleinste in der Gruppe gewesen, erinnert sich Tim, «und immer derjenige, der alles schaffte».

Als ihm die Snowboard-lehrer nichts mehr beibringen konnten, verwiesen sie das Talent an spezialisierte Trainer. Mit elf warf sich Tim in einem Snowboardlager erstmals in die Halfpipe. «Ich merkte, dass es mir recht leicht fällt, weil ich eben die Grundlagen aus der Snowboardschule wirklich beherrschte.» Ein Jahr später startete er dann zum ersten Mal in einem Halfpipe-Wettkampf. Als er mehr so zum Spass noch den Snowboardslalom fuhr, wurde er in seiner Alterskategorie auf Anhieb Vize-Schweizermeister. Gleiches geschah, als er kurz darauf ins Team der Snowfarm (Regionalkader Zürich und Zentralschweiz) aufgenommen wurde und dort erstmals die Disziplin Snowboardcross ausprobierte, in der vier Fahrer gleichzeitig einen Parcours bewältigen: Vize-Schweizermeister durfte er sich danach nennen. In seiner bisher erfolgreichsten Saison 06/07 holte sich der Zürcher dann den U16-Schweizermeistertitel im Snowboardcross und ein paar Wochen später den U16-Vize-Schweizermeistertitel im Freestyle. Daraufhin wurde er ins C-Nationalkader aufgenommen. Dort startet Tim nun gegen die «Grossen».

In den nationalen Rennen wäre seine Konkurrenz in der U20-Kategorie nur zwei, drei Jahre älter und selten stärker. An internationalen Wettkämpfen, wie er sie mit dem C-Kader bestreitet, ist sie dagegen durch keine Alterslimite beschränkt. Es habe in der Schweizer Serie Momente gegeben, in denen er sich nicht mehr sicher gewesen sei, ob er auf dem Brett noch etwas lernen könne. Seit dem Wechsel ins C-Kader habe er allerdings schnell realisiert, wie lange der Weg an die Spitze noch sei. «Gleichzeitig pusht es mich extrem, gegen ältere und bessere Boarder anzutreten!»

Für Tim Watter steht «eigentlich fest», dass er früher oder später ein professioneller Snowboarder sein wird – solange er es noch nicht ist und gerade jetzt in seinem Alter, bedeutet das allerdings einen enormen Aufwand, auch abseits der Piste. Tim steht vor dem Abschluss der Integrativen Mittelschule. Solange die Noten stimmten, müsse er die Präsenzzeit nicht einhalten, sagte sein Lehrer. «Sie stimmen, aber bei 220 Absenzen im vergangenen Jahr ist es hart», seufzt Tim.

Und wie gehts nach der Schule weiter?

Seitdem er zusätzlich im C-Kader trainiert, kennt Tim im Winter kein freies Wochenende mehr. Und dann ist da noch die Frage, wie es nach der Schule weiter-gehen soll. Ihm, der viel lieber all seine Energie in den Sport investieren würde, fällt die Entscheidung nicht leicht. Er könnte sich eine weiterführende Schule vorstellen oder beispielsweise auch das Jobben als Snowboard-Lehrer, bis … bis es eben so weit ist.

Was seinen sportlichen Weg angeht, sieht Tim klar: «Aktuell lautet das Ziel, an internationalen FIS-Rennen jeweils den Qualifikationslauf sowie zwei weitere Runden zu überstehen.» Schliesslich den Europacup fahren und in den Weltcup vorstossen. Und dann? «Die Winterspiele nächstes Jahr in Vancouver sind wohl zu früh. Aber dann kommt die WM 2013 in Stoneham und die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi. Wenn die Knochen halten, bin ich parat.» Tim Watter erzählt nicht von Träumen. Er schildert Pläne.

Beat Matter