Ein Vierteljahrhundert auf Achse

Beat Matter

Sepp Horat, 59, Chauffeur, ist ein Lastwagenfahrer wie aus dem Bilderbuch. Sein Alltag ist derweil nicht (mehr) von der grossen Trucker-Freiheit geprägt, wie man das landläufig meint. Das Handy hat aus Romantik Stress gemacht. (die baustellen Nr.12/2008)

Bei mir könnte jeder reinsitzen. Auch mit weissen Hosen und ohne Angst, sie könnte schmutzig werden. Meine Kabine ist sauber und aufgeräumt, weil sie für mich so etwas wie mein Wohnzimmer ist. Und dort will ja auch niemand Dreck. Ich würde auf jeden Fall sagen, dass der Zustand der Kabine Rückschlüsse auf den Charakter des Fahrers zulässt. Und es soll mir keiner sagen, er komme nicht dazu, sie sauber zu halten. Es kommt schliesslich immer wieder zu Wartezeiten und seien es nur ein paar Minuten während dem Abladen auf der Baustelle. Es geht bei diesem Thema auch um Sicherheit. Es nützt doch niemandem etwas, wenn ich vor lauter Dreck am Boden die Kupplung nicht mehr durchtreten kann. Oder wenn ich von den Pedalen abrutsche, weil die Schuhe verdreckt sind. So sehe ich das einfach.

Zwei Millionen Kilometer
Seit 1984 bin ich auf Achse. Zuerst fuhr ich im Überlandverkehr. Ich war viel in Frankreich, fuhr hoch bis Holland oder gar Dänemark. Manchmal war ich zwei Wochen am Stück unterwegs. Damals war das Fahren noch schöner, noch eher so, wie sich viele ein Leben als Lastwagenfahrer vorstellen. Dann kamen Frau und Kinder und 1990 habe ich mit dem «Überländern» aufgehört. Ich würde es nicht mehr machen wollen. Wenn man sich den Verkehr anschaut, nein, das ist nicht mehr lustig. Allgemein ist unsere Realität heute komplett anders, als viele meinen. Sie ist der totale Stress. Seitdem die Leute Handys haben, laufen sie über eine Baustelle, schauen sich um, was sie gerade brauchen, rufen uns an und haben dann nicht selten das Gefühl, wir hätten bloss auf ihren Anruf gewartet. Wenn ich dann an eine Baustelle fahre, ist die Zufahrt häufig mit den Autos von Handwerkern verstellt. So verliert man Zeit, weil man aussteigen und jemanden suchen muss, der die Zufahrt frei macht. Und schliesslich, man hat noch nicht fertig abgeladen, klingelt wieder das Handy und man sollte bereits irgendwo anders sein. Alles in allem habe ich vielleicht zwei Millionen Kilometer als Chauffeur abgespult. Heute bei der Kibag sind es vielleicht um die 55 000 Kilometer jährlich. Wir Fahrer kommen untereinander schon «zschlag». Dabei spielt es keine Rolle, für wen jemand fährt. Konkurrenten sind vielleicht die Firmen, wir Fahrer kennen das nicht. Und einer, der das Gefühl hat, er müsste eine separate Kugel schieben, der wird bald merken, dass das nicht gut ist. Den lässt man dann links liegen, fährt, wenn er eine Panne hat, einfach dran vorbei und lässt sich nichts anmerken. Ansonsten hält man bei einem Pannenfall an, wenn man nur ein klein wenig Zeit hat, und fragt, ob man helfen könne.

Allein unterwegs
Beim Fahren ist es mir lieber, wenn ich alleine bin. So kann ich mich konzentrieren. Es läuft zwar immer das Radio, aber mehr aus Gewohnheit, als dass ich wirklich zuhören würde. Neben dem Fahren ist es natürlich lustiger, wenn wir ein paar «zäme» sind. Das Verhältnis zwischen Autofahrern und Chauffeuren? Ich merke, dass ich ruhiger werde mit dem Alter. Ich rege mich viel weniger auf als früher. Wenn ich selbst mit dem Auto unterwegs bin, würde es mir nicht in den Sinn kommen, wütend auf einen Lastwagenfahrer zu werden. Ich weiss ja, was das alles für ihn bedeutet. Und es würde vielen Autofahrern nicht schaden, auch einmal zu erleben, was es heisst, diese Masse abzubremsen und wieder auf Tempo zu bringen. Ich darf über Autofahrer ja gar nicht die Wahrheit sagen. Ehrlich. Aber es hat auch ganz «flotti Siäche» darunter

Beat Matter