Den Herbst sehen

Beat Matter

Ruth Tscherfinger, 53, Leiterin Besucher und Gastronomie, ist dafür zuständig, dass Interessierte in den Schlund des Versuchsstollens Hagerbach gelangen können. Dorthin, wo man es Untertage nennt und sie selbst über ein Jahrzehnt arbeitete. (die baustellen Nr. 10/2008)

Darauf werde ich häufig angesprochen. Aber ich empfand es nie als anstrengender, im Stollen und ohne Tageslicht zu arbeiten, als sonst wo. Ich sage dann jeweils, es sei hier wohl besser als in irgendeinem grossen Einkaufszentrum. Zum künstlichen Licht kommen dort noch Menschenmengen und entsprechender Lärm hinzu. Hier ist es ruhiger. Meistens. Und wissen Sie was? Wahrscheinlich ist hier selbst die Luft noch besser. Wir haben eine konstante Frischluftzufuhr und eine angenehme Luftfeuchtigkeit.
Zwölf Jahre lang habe ich im Stollenrestaurant gearbeitet. Zwölf Jahre lang war ich grundsätzlich im Stollen drin. Am Morgen rein, am Abend wieder raus. Ich würde es nicht Stollenkoller nennen, aber dennoch war es in den Sommermonaten jeweils ein Genuss, die Feierabende bei schönem Wetter im Freien verbringen zu können. Im Winter war es noch dunkel beim Reingehen und wieder dunkel beim Rauskommen. Da legte ich gerne im Januar oder Februar Ferien ein, um mal wieder Tageslicht zu sehen. Nach meiner Restaurant-Zeit wechselte ich intern zur Organisation des gesamten Besucherwesens. Seit einem Jahr habe ich ein Büro ausserhalb des Stollens. Mit Fenstern.

Man erträgt es
Ich weiss, es gibt Leute, die bereits ein seltsames Gefühl überkommt, wenn sie bloss mit dem Auto durch einen Tunnel fahren müssen. Wirklich nachvollziehen kann ich das allerdings nicht. Diese Leute wären bei uns ein bisschen am verkehrten Ort – in 15 Jahren habe ich es allerdings nur zwei oder drei Mal erlebt, dass jemand kehrt machte, weil er nicht mehr weiterlaufen wollte. Die Anlage ist weit und gross. Ich denke, man erträgt das gut, auch wenn man es sich nicht gewohnt ist, in einem Stollen zu sein. Wir führen schätzungsweise 150 Führungen im Jahr durch. Die Menschen, die unseren Stollen anschauen wollen, sind sehr unterschiedlich. Mehrheitlich kommen sie nicht einmal aus der Branche. Männliche und weibliche Besucher halten sich ungefähr die Waage. Auch was das Interesse angeht.
Würde man sich in der Anlage nicht auskennen, es wäre ein Leichtes, sich dort zu verirren. Von der Organisation her sollte das aber keinem Besucher passieren, weil grundsätzlich niemand unbegleitet hinein darf, der nicht hier arbeitet. Es ging noch kein Gast verloren. Was es gab, war, dass wir eigene Leute suchen mussten, bevor wir vorne das Tor schlossen. Da wussten wir, es sind noch Leute an der Arbeit, aber nicht genau wo.

Vom Chef abgeworben
Zum Stollen kam ich durch Herrn Amberg Senior persönlich (Gründer des Hagerbachstollens; Anm. d. Red). Ich arbeitete in einem Sarganser Restaurant, in welchem er häufig verkehrte. Und als die damalige Angestellte im Stollen-Restaurant aufhörte, warb er mich ab. Mir hat das auf Anhieb gepasst. Zu jener Zeit waren für mich regelmässige Arbeitszeiten und freie Wochenenden nicht üblich und deshalb reizvoll. Ich nahm mir also vor, fünf, vielleicht sechs Jahre dort zu arbeiten. Es wurden mehr, obwohl mit der Zeit nicht mehr wirklich von regelmässiger Arbeit die Rede sein konnte. Es war aber auch schön, bei einer Sache mitzuwirken, die immer grösser wurde. Obwohl ich es heute überaus geniesse, durch die Fenster meines Büros den Herbst zu sehen, den ich so mag, hätte ich wohl keine Probleme damit, wieder im Stollen selbst zu arbeiten. Ich meine, die Tatsache, dass mein Büro jetzt ausserhalb des Stollens liegt, heisst ja nicht, dass ich nun den ganzen Tag rumsitzen und die schöne Aussicht geniessen kann. Arbeiten musste ich drinnen und muss ich jetzt draussen.

Beat Matter